Der Kreisgeher

 Kreisgehers-Ausstattung

Ge(h)danken-Dossier und Schritttagebuch zwischen Zweitausendzehn und Zweitausendzwölf:

Er lief schon viele Jahre durch sein Leben und liebte das bewegte Leben. Irgendwann fiel ihm auf, dass er sich eigentlich immer im Kreis bewegte. Er bemerkte, dass er gelegentlich große Bahnen zog, manche Abläufe waren allerdings überschaubare Kreise. Zunächst war er ob seiner Entdeckung ganz erschrocken; denn trotz aller Anstrengungen knüpfte er immer wieder an alte Punkte an und dabei schlossen sich Kreise. Er sprach hierüber mit seiner Frau, die ihn zunächst überhaupt nicht verstand. Aber als er ihr sein Leben und seine Erkenntnisse erläuterte und sie Wege und Bahnen gemeinsam abliefen, da erkannte auch sie, dass ihr Mann der Kreisläufer war. Und es ging ihr gar nicht anders, auch sie konnte sich wenden und drehen und dennoch befand auch sie sich auf einer Laufbahn, die sie immer wieder an ihren Ausgangspunkt zurückbrachte. Und die anderen Menschen steckten in ebensolchen Kreisläufen. Sogar die Welt und die Planeten funktionierten nach dem Prinzip. Der Mond umrundet die Erde, die Erde umrundet die Sonne. Auch die Sonne ist Teil eines großen Kreises rund um ein imaginäres großen Loches. Die Feststellung des Kreisgehers beflügelte ihn so sehr, dass es ihm von Zeit zu Zeit gelang, neue Kreise zu erobern und es gab Tage in seinem Leben, da düste er ganz ausgelassen und auf neuen Wegen, die ihn dennoch immer wieder zurück brachten, an seinen Ausgangspunkt. Einige Ge(h)danken sind im Folgenden niedergeschrieben. Und weil hierin Kreisläufe beschrieben sind, kann man auch willkürlich irgendwo im Text starten, irgendwann gelangt man an den ersten Schritt von dem die große Lebensreise beginnt.

… schon wieder stampfe ich in den Tag,

lass die Zeit neben mir liegen

… die Opfer der Naturkatastrophe …,

…die Handballmeisterschaft …,

… den Warnstreik der Sowieso –Gewerkschaft …,

… das Flugverbot ….

Ich stampfe einfach weiter,

die Zeit vergessend,

vorhin noch in Barcelona …,

danach in Vienna …,

später in Lillehammer …

über Frankfurt / Main kommend …

und jetzt auf dem Weg nach NeuWerk.

Sehnsucht nach Stillstand?

Ich …, stampfe weiter …

Photo: Kreisgehers-Ausstattung

Günter Grass – Grimms Wörter – Eine Liebeserklärung

 

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Als ich vernahm, dass Grass ein neues Buch veröffentlicht und das selbiges Werk möglicherweise  sein letztes Buch sein würde, erlag ich dem Wunsch,  dieses Buch besitzen zu wollen, um es, auch zur Verbesserung meiner Bildung, zu lesen. Eine Überraschung erlebte ich in der Buchhandlung. Auf den Tischen der Neuerscheinungen war dieses  Buch nicht zu finden. Erst auf Rückfrage bestätigte mir der Buchhändler, dass das Buch als Sachbuch unter den Begriffen Geschichte und / oder Sprache zu finden sei.  Und in diese Sparten gehört es zweifellos; denn das Buch vermittelt mir auf unterhaltsame Weise zahlreiche geschichtliche Ereignisse. Grass berichtet über die bürgerlichen Verhältnisse ab dem Jahre 1830. Fürs Volk gab es reichlich Elend und Hunger, trotz  einer frühen Verfassung, die den Bürgern ein Mindestmaß an Recht gab. Der Landsherr Ernst August von Hannover war dann wiederum der Meinung,  durch Streichen der Rechte mittels Federstrichs ließe sich das Land besser walten. Sein Verhalten führte zu einem Protest unter 7 Professoren der altehrwürdigen Universität zu Göttingen.  Diese wurden in Folge des Landes verwiesen. Ich huldige immer den ersten Moment, bevor ich ein Buch aufschlage. Mir ist bewusst, dass mich zwischen den Buchdeckeln eine andere Welt erwartet. Diesmal ist es die jüngere Vergangenheit. Ich lerne die Brüder Grimm kennen, nicht als Märchenonkel. Grass kommt mir als Schriftsteller und Mensch näher. Im Buch markiert das Datum 1838 den Beginn demokratischer Strömungen, lässt den Leser den Weberaufstand mitverfolgen und lädt den Leser ein, Redebeiträge in der Paulskirche zum freiheitlichen Gedankengut  zu lauschen. Der Leser erfährt, vom Beginn der Photographie, die die Kunst der Portraitmalerei ablöst und schlussendlich darin gipfelt, dass heutzutage jederzeit rund um den Erdball ständig und in jeder Sekunde hunderte digital erstellter Lichtbilder geknipst werden. Es ist aber auch der Beginn der Eisenbahn. Dieser stählerne Wurm gräbt sich durch das Land und verbindet, während im politischen Sinne das Land noch in über 300 Kleinstaaten auseinanderklafft. Auf der Zeitreise lerne ich Bettine von Arnim kennen.  Sie ist in dieser eher spröden Zeit eine Unbekümmerte. Mit unablässigem Eifer rührt sie und wird als die ein wenig  berüchtigte, kokette und peinliche Bettine bekannt, ein Irrlicht und Energiebündel. Ihr mag man aus heutiger Sicht zuschreiben, dass sie die erste weibliche Vertreterin der Sozialdemokratie war.  Im Verlauf des Buches kommt es auch zu einer Begegnung zwischen Wilhelm Grimm und Hoffmann von Fallersleben. Selbiger war politisch aktiv und seine Texte wurden gern von aufrührerischen Studenten zitiert oder lieber noch, nach ein paar Bieren, gesungen. Dies führt für von Fallersleben zu Sanktionen und Ausweisung durch den preußischen König. Fallersleben, der Staat und König verbal attackiert und von den Herrschenden als „unstet“ beurteilt wird, verfasst später bekannte Kinderlieder wie „Alle Vögel sind schon da“, „Summ, summ, summ, Bienchen summ herum“, „Winter ade, scheiden tut weh“, „Kuckuck, Kuckuck ruft’s aus dem Wald“ oder „Morgen kommt der Weihnachtsmann“. Aus seiner Feder stammt auch der Text der Deutschen Nationalhymne. Der Weidemannschen Buchhandlung zu Leipzig ist es zu verdanken, dass sie an Jacob Grimm herantrat, mit dem Auftrag, ein Wörterbuch und damit ein Abbild, der deutschen Sprache, zu fertigen.  Die Brüder Grimm stimmen zu, verlegen ihren Wohnsitz nach Berlin und beginnen mit großer Euphorie das Werk. Sprache ist aus Buchstaben gemacht. Die Grimms sammeln ihr Sprachmaterial buchstabenweise. „Von A wie Anfang bis Z wie Zettelkram“. Ursprünglich sind die  Brüder davon ausgegangen, dass das Wörterbuch über einen Zeitraum von 10 Jahren erstellt werden würde und ca. 7 Bücher füllen könnte. Tatsächlich wurde das Wörterbuch der deutschen Sprache erst im Jahre 1960 in deutsch-deutscher Kooperation abgeschlossen und in Leipzig veröffentlicht. Fast 80 Jahre nach dem Tod des letzten Grimms.  Günter Grass, bekannt als unkonventioneller, zeitkritischer und politischer Autor vollendet sein Buch kurz vor seinem 82. Geburtstag. Das voranschreitende Alter macht sich im Text bemerkbar; Grass spart nicht mit eigener Biographie und Eigenlob. Lässt seinen Einsatz für die Gewerkschaftsbewegung nicht unerwähnt, kokettiert  mit seinem Engagement für die Sozialdemokratie, für die Menschlichkeit, für Frieden und Freiheit. Der Leser erfährt, das er  4 Stiftungen begründet, z.B. eine Stiftung für Sinti und Roma unter dem Namen Otto-Pankok-Stiftung. Aus dem Buch höre ich manche Alterssentimentalität heraus. Eine Stimmung, der ich  mich gelegentlich auch nicht erwehren kann. Leider übertreibt Grass in seiner Selbstdarstellung. Es hat schon etwas von Selbstbeweihräucherung, obgleich er dies gar nicht nötig hätte.  Grass selber erinnert sich beim Wort Eid an sein Gelöbnis bei der Waffen-SS. „Das Kriegsende befreite mich von dem beschworenen blinden Gehorsam, ohne dass ich sogleich sehend wurde und begriff, welches Ausmaß ein Verbrechen ein Eid, gesprochen in einer Frostnacht, bemänteln kann. Nie wieder würde ich einen Eid sprechen.“ In seiner Karriere hat er den Hergang zu verdrängen gesucht, bis ihm findige Journalisten auf die Schliche kamen. Sein Geständnis kam zu spät. Umso mehr überrascht es mich, wie er andere mit Schmutz bewirft, die ebenfalls einen Eid gebrochen haben. Die Verfassung der Bundesrepublik sah z.B. vor, dass es bei einer Vereinigung der beiden Deutschlands eine neue Verfassung  gäbe.  Statt eine gemeinsame und gesamtdeutsche Verfassung zu erarbeiten, haben die politischen Akteure jener Tage den Satz in der Verfassung gestrichen. Grass klagt diese Illegalität deutlich an. „Grimms Wörter“ ist in der Tat eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache. Grass beweist sich als begnadeter Wortfinder, Lautmaler, Silbenstecher. Der Text nimmt Bezug auf das Alphabet des Wörterbuchs. Kein Wort ist zufällig platziert. Jedes einzelne Wort, alle Wörter sind  gesuchte, gefundene und gewogene Worte, die im Zusammenhang stehen, mit dem Fortschritt der Grimms am deutschen Wörterbuch.  Mit Begeisterung lese ich über die Lebensverhältnisse der Grimms in Berlin, wo sie in Tiergarten Nähe wohnen. Ich erfahre von der 400 Jahr Feier anlässlich der Erfindung des Buchdrucks. Lese vom „Fischer un syner Frau“. Erlerne Lebensweisheiten wie z.B.: dass ein Zaun drei Jahre währt, ein Hund erreicht drei Zaunes Alter, ein Roß drei Hundes Alter und ein Mann drei Rosses Alter. Das Buch erweist sich als Fundgrube für die deutsche Sprache, deren Herkunft und der Deutschen Geschichte. Das Druckwerk nimmt eine 170 jährige Historie aufs Korn, schafft Bezug auf aktuelle Ereignisse wie Finanzkrise, das Geschehen der „68er-Zeit“ mit dem Tod von Benno Ohnesorg usw. Alsbald Conny´s Heinz das Epos fleißig gelesen hatte, initiierte er freudig und juchzend Kommunikationstreffen landaus, landab. Mitternachts, nachmittags oder zu Pfingsten quasselten Redner, Gelehrte  und Germanisten ständig Texte der Brüder Grimm. Vom Untergang der Verseschmiede, vom Wochenbett neuer Werke x-beliebiger Yellow Press-und Zeitungsartikel.

 

Herb ST Immung

Herb     st

der Ernte Dank, es folgt die Stille 

lange Nächte drohen, Tage werden knapp

Sommer nimmt Abschied,

Blatt für Blatt, sagt tausendfach Ade

blicke durchs Fenster, ehe die Läden schließen

will nur noch sitzen, dem Laubverfall zusehen

bis zum letzten Blatt … ,  bis der 1. Schnee fällt

denn ich       bin    der im Herbstgeborene,

an der Schwelle zum Winter

letzter Schmetterling schwirrt, ehe sich Käfer verkrümeln,

Spinnen ziehen Kokon, Vögel fliegen und ziehen

Laub legt Decken und Kissen, gegen Niesel und Nebel

gegen Wind und Wetter, gegen Grauen und Trübes

Gedenktage über Ruhe und Sterben, Vergänglichkeit und Melancholie

hege den Wunsch nach Einkehr, nach Stille und Rückzug,

will nur noch schlafen …,   … bis zum Frühlingserwachen

wieder Worte

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Eine Maschine, die Worte erfindet …. Sie ist fast wie ein Musikinstrument. Durch Betätigung der entsprechenden Tasten werden ihr Buchstaben und Worte entlockt.  Es ist sogar so, dass man auf der Maschine sinnvoller Weise in einem entsprechenden Takt schreiben sollte, damit sich die Lettern nicht verheddern. Buchstaben bilden Worte. Worte transportieren Inhalte und berühren Menschen. Darum sind Worte und Buchstaben mit Bedacht zu wählen. Mein Lieblingswort ist nicht Schmetterling oder Pusteblume. Es ist auch nicht das Wort Plauderei oder Streuselkuchen. Mein liebstes Wort ist „human“. Dieses Wort drückt Respekt vor dem Mitmenschen aus, es akzeptiert die Würde des Menschen. Sich human zu verhalten, bedeutet, den anderen oder die anderen Menschen anzuerkennen oder anzunehmen oder zu tolerieren. Es ist der Inbegriff von Menschenliebe und Menschlichkeit.  Ich schätze die Lebensbedingungen in unserem Land; denn unser Land hat mit der Verfassung und der Festschreibung im Grundgesetz unumstößlich festgelegt, dass alle Menschen gleich sind. Es gibt keine Unterschiede. Alle Menschen, ob Frau oder Mann, Greis oder Kind, reich oder arm, unabhängig von Religion oder Hautfarbe u.a. sind vor dem Gesetz gleich. Alle Menschen sind Menschen, die Essen, ein Heim, Bekleidung, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, Entfaltung der Persönlichkeit benötigen und deren Bedürfnisse in diesem Land nicht in Frage gestellt werden. Ich schätze es sehr, dass solche Lebensbedingungen in unserem Staat gelten. Das Grundrecht schützt den Schwächeren vor dem Stärkeren, stellt den Kranken und den Gesunden vor dem Gesetz gleich. Unser Staat erkennt die Menschenrechte an, danach geht die Staatsgewalt vom Volk aus, nicht vom privilegierten Schichten oder Gruppen.  Es ist natürlich und menschlich, dass sich ein Individuum und jeder Einzelne wichtig nimmt. Aber unsere Verfassung garantiert, dass vor dem Gesetz alle gleich sind. Ich brauche über die Worte gar nicht viel nachzudenken, sie fließen fast wie von selbst aus der Maschine heraus. Diese Gedankengänge entwickeln sich; denn ich bin in diesem Rechtssystem geboren und habe es schon einige Jahrezehnte durchlebt. Es ist mir von daher zutiefst zu Eigen. Menschlichkeit bedeutet, andere Menschen anzuerkennen, Toleranz zu üben, dem Menschen die gleichen Rechte einzuräumen, die ich als Mensch in Anspruch nehme. Menschlichkeit bedeutet auch, dass in einem Sozialsystem der Stärkere den Schwächeren an die Hand nimmt. Ein humaner Mensch zu sein, bedeutet, sich und sein Verhalten vor Gott und den Mitmenschen zu verantworten. Auch die Chancengleichheit in der Bildung finde ich in einer humanen Gesellschaft selbstverständlich. Ich hoffe, dass unser Gemeinwesen in der Bundesrepublik noch lange mit dieser Wertschätzung funktionieren wird. Ich bin stolz darauf, in diesem Staat zu leben, der seinen Platz in Europa und in der Welt mit Humanität und ohne Waffengewalt gefunden hat. Eine anzuerkennende Leistung für ein sympathisches Land, dass vor mehr als 60 Jahren noch in Schutt und Asche lag und dessen diktatorische Staatsführung Buchstaben und Worte zensierte, im dem das Wort „Humanität“ nicht geduldet, verboten und unbekannt war.

Frühling

F R Ü H 

 L I N G  


reiß die Fensterläden auf

verlass dein ödes Wartehaus

wisch dir das Grau aus dem Gesicht

hüpf in den Springtime 

pfeif auf die Sorgen

mach es wie die Vögel

flöte, jubiliere oder rufe übermütig: 

Kuckuck!

hasche nach Mädchenlocken

 und Sonnenstrahlen 

überall Tauen, Drängen, Sprießen,

Glühen und Regen

Lämmerblöken und süßer Duft

streifen umher 

miefige Wollsocken verschwinden,

duftende Veilchen blühen auf

es ist Frühling in Prag,

am Rhein und auch auch daheim

ändlich Früühhliing …..

Wiederworte

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 Immer wieder beschäftigen mich Worte. Woher kommen die Wörter. Welche Bandbreite gibt es bei Worten. Das Wort „Weh m u t“ enthält das Wort „Mut“. Bedarf es Mut, um Wehmut zu empfinden? Weil man sich hierauf einlassen muss?

Mit solchen Fragen beschäftige ich mich und möchte die Fragen und meine Antworten im meinem Blog erörtern.

Aus meiner Sammlung der Mutwörter:  Armut, Anmut, Charmut*, Demut, einmütig, Frohmut, Gemütlichkeit, Großmut, Hochmut, kleinmütig, Langmut, Mut fassen, Mutprobe, Reumut, Schwermut, Todesmut, Unmut, Übermut, Volksmut, zu Mute.

Das Wort „Lohn“ ist doch ein positives Wort. Eine gute Tat wird belohnt! Und dennoch wundert mich die sprachliche Nähe zum Wort „Hohn“. Hohn ist etwas Gehässiges. Wieso sind die Worte sich so sehr ähnlich, wenn die Bedeutung des Wortinhaltes so unterschiedlich ist?

Hinweis zu*) Charme und Anmut